Was ist Lyme-Borreliose? Die Lyme-Borreliose ist die häufigste durch Zecken übertragene Infektionskrankheit in Europa und Nordamerika. Hervorgerufen wird die Erkrankung durch das Bakterium Borrelia burgdorferi sensu lato. Das systemisch-entzündliche Krankheitsbild kann Haut, Gelenke, Nervensystem, Augen und Herz betreffen. Der Begriff Lyme-Erkrankung oder Lyme-Borreliose geht zurück auf gehäufte Fälle von entzündlichem Gelenkrheuma bei Kindern (Juvenile Arthritis) in der Stadt Lyme in Connecticut (USA). Nachdem 1977 eine Häufung von Gelenkentzündungen bei Kindern und Erwachsenen in drei Gemeinden Connecticuts beschrieben worden war, dauerte es weitere fünf Jahre, bis ein Bakterium als Auslöser der Erkrankung identifiziert wurde. Beschreibungen von Hautveränderungen im Zusammenhang mit Zeckenstichen gab es dagegen schon Ende des 19. Jahrhunderts. Im deutschen Sprachraum bezeichnen die Begriffe Lyme-Erkrankung und Lyme-Borreliose das gesamte klinische Spektrum der Erkrankung. Der Begriff Lyme-Arthritis wird speziell für die durch Borrelien hervorgerufene Gelenkentzündung verwendet. Borrelia ist nicht gleich Borrelia Es gibt unterschiedliche Arten von Borrelien. Der Begriff 'Borrelia burgdorferi sensu lato' beschreibt eine Gruppe von Bakterien, die zur Familie der Spirochäten gehören. Borrelia burgdorferi sensu lato kann wiederum in eine Vielzahl verschiedener Spezies unterteilt werden. Für den Menschen gefährlich sind Borrelia afzelii, Borrelia burgdorferi sensu lato und Borrelia garinii. Borrelien finden sich in vielen Ländern der gemäßigten Klimazonen der nördlichen Halbkugel. In Deutschland dominiert Borrelia afzelii. Die Blutmahlzeit der Zecke Die typischen Überträger für Borrelien in Europa sind Schildzecken der Gattung Ixodes ricinus, die zu den Spinnentieren gezählt werden. Die Zecke durchläuft von der Larve und Nymphe bis zur erwachsenen Zecke drei Entwicklungsstadien und benötigt zum Übergang in das jeweils nächste Stadium eine Blutmahlzeit, bei der sich die Zecke selbst infiziert. Die Erreger vermehren sich im Darm der Zecke und werden während des folgenden Saugaktes auf den Wirt (Säugetiere, Vögel, Menschen) übertragen. Die Infektionsrate von Zecken in Deutschland liegt in Abhängigkeit von der Region und den Witterungsbedingungen sowie dem Entwicklungszustand des Spinnentieres in der Regel zwischen ein und 30 Prozent. Der Saugakt der Zecke kann lange dauern und wird umso gefährlicher, je länger er währt. Während in den ersten 24 Stunden nur selten Borrelien übertragen werden, steigt das Infektionsrisiko danach stark an. Nach 48 bis 72 Stunden hat die Zecke in der Regel ihre Blutmahlzeit beendet und fällt ab. Der Weg der Infektion Die Infektion des Menschen beginnt mit der Übertragung des Erregers aus der Zecke in die Haut. Dort kann er sich, sofern er vom Immunsystem nicht rasch unschädlich gemacht wird, vermehren und später über Blut und Lymphe ausbreiten. Bei der Lyme-Arthritis gelangen Erreger in die Gelenkinnenräume. Ob die Lyme-Borreliose zu Folgeerkrankungen führen kann, die auch nach Beseitigung des Erregers aus dem Organismus des Menschen fortbestehen, ist umstritten. Sicher ist aber, dass es eine hohe Rate so genannter stummer Infektionen gibt – bei Blutspendern etwa werden recht häufig Antikörper nachgewiesen, ohne dass die Betroffenen je an einer Borreliose erkrankt gewesen wären. In diesen Fällen hat das Immunsystem effektiv „gearbeitet“ und den Erreger beseitigt. Wie häufig kommt Lyme-Borreliose vor? Die Lyme-Borreliose tritt nur dort auf, wo Schildzecken mit Borrelien-Spezies infiziert sind, die auf den Menschen übertragen werden können. Die Verbreitung der Erreger und das Krankheitsbild sind gut dokumentiert in weiten Teilen Nordamerikas, Europas und Asiens. Einzelfallberichte liegen auch aus Ländern Südamerikas und aus Australien vor. Anders als die ebenfalls durch Zecken übertragenen Erreger der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die der Gruppe der Viren zuzuordnen sind, werden Borrelien in ganz Deutschland gefunden. Geht man von einer mittleren Infektionsrate der Zecken von zehn Prozent aus, liegt das Risiko, nach einem Zeckenstich mit Borrelien infiziert zu werden, bei etwa einem Prozent, wobei die Länge des Saugaktes eine große Rolle spielt. Konkret heißt das: Je schneller die saugende Zecke entdeckt und entfernt wird, desto kleiner ist das Risiko, an einer Borreliose zu erkranken. Nach Angaben der WHO ist in Deutschland von rund 20.000 Krankheitsfällen pro Jahr auszugehen. Allerdings dürfte die Zahl der Fälle, bei denen keine klinischen Symptome auftreten und bei denen die Borreliose deshalb unentdeckt bleibt, recht hoch sein. Woran erkennt man Borreliose? Die Erkrankung wird in ein frühes oder akutes und in ein spätes oder chronisches Stadium eingeteilt. Das Frühstadium (Tage bis Wochen nach Infektion) ist typischerweise gekennzeichnet durch das Auftreten einer „Wanderröte“ (Erythema migrans). Das ist eine flächige Hautrötung, die mit zunehmender Infektionsdauer in der Mitte nachlassen kann, während der rote Rand nach außen „wandert“. Das kann Tage oder Wochen dauern. Die „Wanderröte“ tritt dort auf, wo die Zecke gestochen hat und wird in etwa der Hälfte der Fälle entdeckt. Im frühen Stadium der Infektion kann es zu allgemeinen Krankheitserscheinungen wie Müdigkeit, Fieber oder Appetitlosigkeit kommen. Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit werden ebenso beschrieben wie Herzrhythmusstörungen, Gelenk- und Muskelschmerzen. Auch Gelenkentzündungen in den Knien kommen schon im Frühstadium vor. Kann das Immunsystem die Infektion nicht früh effektiv bekämpfen und/oder bleibt die Erkrankung unbehandelt, können nach dem Stich durch Erreger-Besiedelung verschiedener Organe schwere Krankheitszeichen auftreten. Die vor allem Kinder betreffende Neuroborreliose, die mit einer Hirnhautentzündung einhergeht, und andere Nerven- und Gehirnentzündungen gehören dazu. Häufigste Symptome dieser frühen Erkrankungen sind quälende Nervenschmerzen vor allem in der Nacht, Kopfschmerzen und Gesichtslähmungen. Seltener sind Beeinträchtigungen der Augen und Entzündungen der Herz- oder Skelettmuskulatur. Schwerste Erkrankungen nach Monaten Bleibt der Erreger im Körper, können sich nach Monaten bis Jahren Symptome des späten oder chronischen Krankheitsstadiums zeigen. An der Haut ist dies insbesondere die Akrodermatitis chronica atrophicans. Die Uveitis, bleibende Herzrhythmusstörungen, eine fortschreitende Gehirn- und Rückenmarksentzündung sind weitere Krankheitserscheinungen der chronischen Lyme-Borreliose. Die chronische Gelenkentzündung des Spätstadiums führt zu ausgeprägten Gelenkergüssen und Zysten in der Kniekehle, nur selten aber zur Knorpel- und Knochenzerstörung. Die Diagnose Die „Wanderröte“ erkennt der Arzt quasi auf den ersten Blick. Tritt sie auf, wird der Mediziner sofort Antibiotika verordnen. Der Antikörpernachweis im Blut ist zur Bestätigung der Diagnose in diesem Fall nicht geeignet. Die Antikörperbildung beginnt frühestens 14 Tage nach der Infektion – die Blutuntersuchung könnte trotz Auftreten des eindeutigen Symptoms „Wanderröte“ negativ ausfallen. Labor- oder mikroskopische Untersuchungen können gemacht werden, sie sollten jedoch bei Vorliegen von „Wanderröte“ die Gabe von Antibiotika nicht verzögern. Liegt keine „Wanderröte“ vor, klärt der Arzt zunächst mit dem Patienten, ob ein Zeckenstich Auslöser der Beschwerden sein könnte. Danach kann der Borreliose-Verdacht durch Untersuchungen auf Antikörper erhärtet werden. Zeckenstich und Infektion vorbeugen Vor einer Borreliose-Infektion kann man sich mit einfachen Mitteln schützen. Nur bedingt wirksam sind das Tragen langärmeliger Kleidungsstücke und der Einsatz von Anti-Zeckenmitteln. Viel besser ist es, die Haut wirklich jeden Abend auch an schwer zugänglichen Stellen (Leisten, Gesäßfalte) nach Zecken oder Zeichen eines Zeckenstichs abzusuchen. Die Entfernung der Spinnentiere geschieht am besten durch gerades Herausziehen mittels einer spitzen Pinzette. Wichtig ist, die Zecke möglichst nah an der Hautoberfläche zu greifen. Dafür eignet sich z.B. eine handelsübliche Splitterpinzette. Der Zeckenkörper sollte nicht gequetscht werden. Ungeeignet sind „Hausmittel“ wie das Ersticken der Zecke durch Bestreichen mit Öl oder Klebstoff – sie verzögern nur das Entfernen der Zecke. Gelingt es nicht, eine Zecke vollständig zu entfernen, sollte man einen Arzt aufsuchen. Er beseitigt den Übeltäter im schlimmsten Fall mit einer kleinen Hautstanze. Untersucht wurde in mehreren Studien, ob die vorbeugende Einnahme eines Antibiotikums wirksam sein könnte – empfohlen wird das bisher nicht. Auch ein Impfstoff, wie es ihn zur Vorbeugung der FSME gibt, steht zur Vorbeugung der Borreliose derzeit noch nicht zur Verfügung. Die Therapie Die Lyme-Borreliose lässt sich durch die richtige Gabe von Antibiotika in allen Stadien heilen. Im Frühstadium werden normalerweise 200 Milligramm Doxycyclin pro Tag über einen Zeitraum von zwei Wochen gegeben. Für Kinder und Schwangere gibt es Alternativen, z.B. Amoxycillin. Auch die Lyme-Arthritis kann in einem ersten Therapieversuch mit oralem Doxycyclin, dann allerdings über 30 Tage, behandelt werden. Die Rückbildung einer Gelenkentzündung kann auch bei optimaler antibiotischer Therapie bis zu drei Monate dauern. Sind Organe oder Gelenke an der Erkrankung beteiligt, und spricht der Patient auf Doxycyclin nur unzureichend an, besteht die Therapie der Wahl in der Gabe von Ceftriaxon. Alternativen sind Cefotaxim und Penicillin G. Therapieresistente Lyme-Borreliosen kommen nur selten vor. Dr. med. Sebastian Schnarr, Prof. Dr. med. Henning Zeidler, Dr. med. Juliane Franz, Prof. Dr. med. Andreas Krause Verantwortlich: Dr. med. Sebastian Schnarr Oberarzt Abteilung Rheumatologie Medizinische Hochschule Hannover ab 1. Okt. Chefarzt internistische Rheumaklinik Bad Füssing
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