Inhaltverzeichnis:
1. Einleitung2. Pulmonale Hypertonie bei limitierter und progressiver systemischer Sklerose3. Pulmonale Hypertonie bei der mixed connncetive tissue disease (MCTD, Sharp-Syndrom)4. Pulmonale Hypertonie beim systemischen Lupus erythematodes5. Therapie
1. EinleitungRheumatische Erkrankungen sind nicht nur schmerzhaft. Sie können auch zu lebensbedrohlichen Begleiterkrankungen führen. Eine der schwerwiegendsten und tückischsten Komplikationen, die bei Patienten mit rheumatischen Erkrankungen auftreten können, ist ein Bluthochdruck in den Lungenarterien, die so genannte pulmonale Hypertonie. Bei diesem Leiden sind die Blutgefäße der Lunge dauerhaft so stark verengt, dass es zu Durchblutungsstörungen der Lunge und zu einer zunehmenden Überlastung der rechten Herzkammer kommt. Fatal daran: Noch immer werden die ersten Symptome der Krankheit nicht nur von den Patienten, sondern auch von Ärzten oft verkannt. Dabei ist eine frühzeitige Diagnose essentiell, um ein Fortschreiten der Krankheit durch geeignete Therapien zu verhindern und die Betroffenen so vor einem vorzeitigen Herztod zu bewahren. Erfreulicherweise stehen Medizinern jedoch inzwischen Medikamente zur Verfügung, mit denen sich die Krankheit wirksamer behandeln lässt als bisher.Am Anfang erscheint alles harmlos und fast wie die zwangsläufige Folge der rheumatischen Beschwerden selbst: Körperliche Anstrengungen fallen zunehmend schwer, schon kleinere Belastungen führen zu Luftnot, der Patient wird rasch müde, erleidet von Zeit zu Zeit kleine Schwindelattacken, hat Reizhusten oder Herzrhythmusstörungen. Doch was als Folge von mangelndem Training oder als Erschöpfung durch die Grunderkrankung gedeutet wird, sind oftmals die ersten klinischen Frühzeichen eines schleichenden Prozesses, der sich zu einer immer gefährlicheren Herz-Kreislauf-Störung entwickelt. Zwar sind die Ursachen noch immer nicht bekannt. Fest steht jedoch, dass nicht nur bestimmte Infektionen, Medikamente und Drogen, sondern auch einige rheumatische Erkrankungen eine pulmonale Hypertonie auslösen können. Dazu zählen insbesondere die progressive und die limitierte systemische Sklerose und die so genannte mixed conncetive tissue disease (MCTD) aber auch der systemische Lupus erythematodes (SLE) und – in seltenen Fällen – die rheumatoide Arthritis (RA).Mediziner sprechen immer dann von einer pulmonalen Hypertonie, wenn der Druck in der Lungenarterie bereits im Ruhezustand über 25 mm Hg liegt und unter Belastung auf mehr als 30 mm Hg steigt. Grund dafür ist eine veränderte Mechanik der Blutgefäße, die zu einer krankhaften Engstellung und damit zu einem erhöhten Widerstand im Blutkreislauf führt. Wie man heute weiß, sind daran nicht nur Blutgefäß verengende Substanzen beteiligt. Vielmehr kommt es in den Blutgefäßen auch zu einer übermäßigen Vermehrung jener Zellen, welche die Innenwände der Blutgefäße auskleiden. Die daraus folgende Verengung macht es dem Blut langsam aber sicher immer schwerer, durch diese ‚Leitungsrohre’ hindurch zu fließen.Ein großes Problem dabei ist, dass dieser Prozess lange Zeit keine Schmerzen und keine auffälligen anderen Beschwerden verursacht. Selbst für Ärzte ist es schwer, die ersten Anzeichen der seltenen, aber gefährlichen Krankheit zu erkennen. Es gibt jedoch mehrere Verfahren, mit denen Mediziner die Erkrankung frühzeitig und zuverlässig diagnostizieren können. Die wichtigste davon ist eine zweidimensionale Ultraschall-Untersuchung des Herzens, die so genannte transthorakale 2D-Echokardiographie mit Dopplersonographie. Um spätere Schäden durch eine unentdeckte pulmonale Hypertonie zu vermeiden, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation allen Patienten mit einer rheumatischen Erkrankungen einmal jährlich eine solche Untersuchung vornehmen zu lassen. In einigen Fällen kann es jedoch sinnvoll sein, zusätzlich ein Elektrokardiogramm (EKG), eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs in zwei Ebenen oder gar eine Herzkatheter-Untersuchung durchzuführen. Wie der Arzt vorgeht, hängt dabei nicht zuletzt von der Art der rheumatischen Grunderkrankung ab.2. Pulmonale Hypertonie bei limitierter und progressiver systemischer SkleroseDie pulmonale Hypertonie gilt neben dem schweren Raynaud-Syndrom zu den bedeutendsten Folgen der limitierten Sklerose. Sie tritt bei etwa jedem zehnten Patienten mit limitierter Sklerose auf und ist die häufigste Todesursache, die direkt auf die Grundkrankheit zurückzuführen ist.Auch bei der progressiven systemischen Sklerose ist die krankhafte Veränderung der Lungenarterien mit begleitender pulmonaler Hypertonie eines der schwierigsten klinischen Probleme. Sie führt nicht nur zu einer massiven Verschlechterung des gesamten Gesundheitszustands. Sie ist auch die häufigste Todesursache von Patienten mit Sklerodermie. In der Tat lassen sich bei vier von fünf Sklerodermie-Patienten mit spezifischen Lungenfunktionstests charakteristische Veränderungen in der Lunge nachweisen (häufig sind das so genannte interstitielle Fibrosen). Dennoch treten bei den meisten von ihnen erst dann klare klinische Symptome auf, wenn die pulmonale Fibrose bereits weit fortgeschritten ist oder der mittlere Blutdruck in der Lungenarterie auf Werte von mehr als 41 mmHg (moderate pulmonale Hypertonie) oder gar 55 mmHg (schwere pulmonale Hypertonie) gestiegen ist.Erste Symptome der pulmonalen Hypertonie sind Luftnot bei Belastung und, seltener, Schmerzen im Brustkorb oder kurzzeitige Ohnmachtsattacken. Wegen der Schwere der Erkrankung sollten bei allen Patienten mit progressiver systemischer Sklerose regelmäßig Lungenfunktionstests, eine 2D-Echokardiographie und EKGs vorgenommen werden.3. Pulmonale Hypertonie bei der mixed connncetive tissue disease (MCTD, Sharp-Syndrom)Auch alle MCTD-Patienten sollten regelmäßig klinisch und radiologisch untersucht werden. Schließlich ist die pulmonale Hypertonie die häufigste Todesursache der MCTD, die in direktem Zusammenhang mit der Grunderkrankung steht. Um ein Fortschreiten der Krankheit frühzeitig zu erkennen, sollten dabei zu Beginn und in regelmäßigen Abständen Lungenfunktionstests und eine Echokardiographie durchgeführt. Und zwar auch dann, wenn weder bei der klinischen Untersuchung noch im Röntgenbild irgendwelche Hinweise auf einen Bluthochdruck in den Lungenarterien zu finden sind.4. Pulmonale Hypertonie beim systemischen Lupus erythematodesLange Zeit wurde die pulmonale Hypertonie bei Patienten mit SLE für eine seltene Erkrankung gehalten. Neuerdings zeichnet sich jedoch ab, dass fünf bis zehn Prozent aller SLE-Betroffenen daran leiden. Mehr noch: Je länger die Krankheit besteht, desto größer wird das Risiko, an dem gefährlichen Bluthochdruck der Lungenarterien zu erkranken. Wie man heute weiß, können mehr als 40 Prozent der Patienten mit SLE im Laufe von fünf Jahren eine pulmonale Hypertonie entwickeln. Viele von ihnen bemerken aber von sich aus keine auffälligen körperlichen Beschwerden und bestätigen erst bei genauem Befragen, dass sie schon bei geringer Belastung unter Luftnot leiden.Häufig ist es schwierig herauszufinden, um welche Variante der pulmonalen Hypertonie es sich bei dem jeweiligen SLE-Patienten handelt. Um die richtige Therapie einleiten zu können, ist es jedoch wichtig, diese Frage abzuklären. Beispielsweise liegen dem Bluthochdruck in einigen Fällen wiederholte Durchblutungsstörungen (Embolien) in der Lunge zugrunde, die durch kleine Blutgerinnsel (Thromben) in den Gefäßen hervorgerufen werden. Diese Form der pulmonalen Hypertonie lässt sich durch blutgerinnungshemmende Medikamente rückgängig machen. Bevor der Arzt diese jedoch verabreicht, muss er überprüfen, ob tiefe Beinvenenthrombosen vorliegen. Klarheit verschafft hierbei eine sorgfältige Diagnose mit Hilfe einer Lungen-Angiographie oder Computertomographie.5. TherapieDie Behandlung der pulmonalen Hypertonie bei Patienten mit rheumatischen Erkrankungen sollte stets so früh wie möglich beginnen. Allerdings ist die Therapie nicht einfach und nicht ohne Risiken. Sie sollte deshalb stets nur in enger Kooperation mit Experten für Lungenkrankheiten (Pulmologen) erfolgen. Generell jedoch gilt, dass alle Patienten mit rheumatischen Erkrankungen zunächst einmal eine optimale Therapie ihrer Grunderkrankungen (zum Beispiel mit immunsupprimierenden oder zytotoxischen Medikamenten) erhalten sollten. Dadurch lassen sich nicht nur die Symptome der Grunderkrankung verringern, sondern auch deren Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System. Zudem sollte jeder Patient mit einer rheumatischen Erkrankung, der an einer pulmonalen Hypertonie leidet, blutgerinnungshemmende Arzneimittel erhalten, um das Risiko von Thromboembolien zu reduzieren.Welche Medikamente im Einzelfall zusätzlich eingesetzt werden sollten, muss der Arzt individuell prüfen. Beispielsweise stehen heute neue Substanzen (wie etwa Prostazyklin und seine Analoga) zur Verfügung, die Blutgefäß weitend wirken, gleichzeitig aber auch die krankhafte Vermehrung der Zellen an den Innenwänden der Blutgefäße stoppen. Der Nachteil: Diese Mittel sind relativ schlecht verträglich, teuer und wirken nur wenige Sekunden oder Minuten, so dass sie permanent verabreicht werden müssen.Seit kurzer Zeit steht zudem mit einem Mittel namens Bosentan eine Substanz zur Verfügung, welche die Belastbarkeit und den Blutfluß bei Patienten mit pulmonaler Hypertonie zu verbessern scheint. Allerdings liegen bislang keinerlei Langzeiterfahrungen mit Bosentan vor, geschweige Daten über den Therapienutzen für Patienten mit rheumatischen Erkrankungen. Auch der als Potenzpille ‚Viagra’ bekannt gewordene Wirkstoff Sildenafil wird derzeit in mehreren kleineren Studien zur Behandlung der pulmonalen Hypertonie erprobt. Noch ist das Präparat dafür jedoch weder anerkannt noch zugelassen.