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Thema des Monats Januar/Februar 2006: Akute Arthritis - Was steckt dahinter?

Akute Arthritis – was steckt dahinter?


Inhalt:

  • Akute Gelenkschmerzen
  • Die Diagnostik
  • Anamnese und Untersuchung
  • Bildgebende Verfahren
  • Laboruntersuchungen
  • Was ist Arthritis?
  • Beispiele akuter Arthritiden
    • Infektarthritis
    • Rheumatoide Arthritis
    • Morbus Still
    • Rheumatisches Fieber
    • Reaktive Arthritis
    • Lyme-Arthritis
    • Morbus Bechterew
    • Psoriarisarthritis
    • Loefgren-Syndrom
    • Arthritiden bei Stoffwechsel-Erkrankungen

 

Akute Gelenkschmerzen

Plötzlich tut ein Gelenk höllisch weh, manchmal sind es sogar mehrere. Der Schmerz treibt die meisten Betroffenen schnell in die Praxis ihres Hausarztes. Vermutet dieser eine akute Arthritis (plötzlich eintretende Gelenkentzündung), ist nicht nur wegen des Dauerschmerzes schnelles Handeln angezeigt – akute Arthritis kann das erste Anzeichen für eine ganze Reihe von rheumatologisch-entzündlichen Gelenkerkrankungen sein. Besteht ein entsprechender Verdacht, sollte der Patient umgehend an einen Facharzt überwiesen werden. Der Rheumatologe verfügt über eine Vielzahl an Diagnoseverfahren, mit denen die Ursache der plötzlich auftretenden Schmerzen herausgefunden werden kann. Und wie bei jeder Krankheit gilt auch hier: Nur eine genaue Diagnose führt zur erfolgreichen Therapie, und nur eine zielgenaue Therapie kann Spätschäden am Gelenk verhindern.


Die Diagnostik

Diagnostik und Differenzialdiagnostik (Unterscheidung ähnlicher Krankheitsbilder) stellen hohe Anforderungen an den behandelnden Arzt, weil die Arthritis das Leitsymptom unterschiedlicher Erkrankungsbilder sein kann. Ursache der akuten Arthritis können Infektionen, Autoimmunerkrankungen, degenerative Prozesse, aber auch Stoffwechselveränderungen sein. 


Anamnese und Untersuchung

Die wichtigsten Schritte in der Differenzialdiagnostik sind die sorgfältige Erhebung der Krankenvorgeschichte (Anamnese) und des Befundes. Bei der Anamnese wird der Rheumatologe dem Patienten auch gezielt Fragen zu der aufgetretenen Gelenkerkrankung stellen. So sollte der Patient seinen Facharzt unbedingt über vorangegangene Infektionen, über Morgensteifigkeit der Gelenke und über so genannte Ruheschmerzen informieren. Der Arzt wird dann das befallene Gelenk oder die befallenen Gelenke gründlich untersuchen (Lokalbefund), das Verteilungsmuster der Schmerzen bewerten und herausfinden, ob andere Organe, zum Beispiel die Augen, betroffen sind. In 80 Prozent aller Fälle führen Anamnese und Untersuchung schon zu einer Diagnose, das heißt, der Arzt kann zuordnen, ob es sich um eine  rheumatologisch-entzündliche Gelenkerkrankung handelt oder nicht. Nicht-entzündliche Gelenkschmerzen kommen vor allem nach traumatischen Ereignissen und bei degenerativen Veränderungen (Arthrose) vor.  


Bildgebende Verfahren

In der weiteren Diagnostik mit Einsatz bildgebender Verfahren ist das konventionelle Röntgen die Methode der Wahl. Spezialuntersuchungen wie Computer- und  Kernspintomographie wird der Arzt in besonderen Fällen einsetzen.


Laboruntersuchungen

Häufig unerlässlich zur Einordnung von Gelenkbeschwerden sind Laboruntersuchungen. Hier spielen vor allem Autoantikörpernachweise eine Rolle, mit denen der Arzt unter anderem so genannte Rheumafaktoren im Körper des Patienten finden kann. Hinzu kommen Laboruntersuchungen zur Bestimmung immungenetischer Faktoren (z.B. HLA-B-27) und/oder die Untersuchung von Gelenkflüssigkeit. Kann die Arthritis dann noch nicht klar zugeordnet werden, sind weiterführende Laboruntersuchungen nötig.


Was ist Arthritis?

Die Arthritis ist ein unspezifisches Symptom und kann bei unterschiedlichen Erkrankungen auftreten. Bei der Arthritis kommt es zur Entzündung der Gelenkinnenhaut (Synovitis). In Abhängigkeit von der Anzahl der betroffenen Gelenke werden die Arthritiden unterteilt in:

- Monarthritis (nur ein Gelenk befallen)
- Oligoarthritis (weniger als fünf Gelenke)
- Polyarthritis (mehr als drei Gelenke)

Die Arthritiden können zudem in entzündliche und nicht-entzündliche Gelenkerkrankungen unterteilt werden. Zu den entzündlichen Erkrankungen zählen die infektreaktiven Arthritiden. Sie gehen einher mit Infektionskrankheiten wie zum Beispiel Gonorhoea (Tripper), Tuberkulose, Borreliose und Chlamydien-Infektionen. Ebenfalls zu den entzündlichen Erkrankungen gehören kristall-induzierte Gelenkerkrankungen wie die Gicht, autoimmunologische Gelenkprozesse wie die Rheumatoide Arthritis und der Systemische Lupus Erythematodes (schwere Erkrankung des Gefäßbindegewebesystems) sowie  Spondylarthropathien wie Psoriasis arthritis, Morbus Bechterew und  reaktive Arthritis. Klassische Symptome sind Schmerzen, Überwärmung, Rötung und Schwellung. Die akute Arthritis unterscheidet sich von der chronischen Arthritis durch eine Erkrankungsdauer von maximal sechs Wochen.
 
Vor allem der Gichtanfall, die Pseudogicht (Chondrokalzinose), die akute Sarkoidose (Loefgren-Syndrom, s.u.) sowie die infektreaktiven Arthritiden können innerhalb von Stunden zu Gelenkschmerzen und -schwellungen führen. Von diesem akuten Erkrankungsbeginn ist der subakute zu unterscheiden. Hier zeigen sich Symptome innerhalb einiger Tage. Das ist zum Beispiel bei Morbus Reiter, einigen Autoimmunkrankheiten und der Juvenilen Arthritis (Arthritis bei Kindern und Jugendlichen) der Fall.


Beispiele akuter Arthritiden

Infektarthritis
Die akute septische (eitrige) Arthritis stellt eine Notfallsituation dar. Sie zeichnet sich durch ein gerötetes, überwärmtes, sehr schmerzhaftes Gelenk aus und wird oft von Fieber begleitet. Bei dieser Erkrankung sollte umgehend eine Gelenkpunktion zur Differenzialdiagnostik erfolgen. In 90 Prozent der Fälle ist nur ein einziges Gelenk befallen, wobei Knie- und Hüftgelenk am häufigsten betroffen sind. Bei dieser Form der Arthritis findet sich ein vermehrungsfähiger Erreger in der Gelenkflüssigkeit. Er  kann zum Beispiel durch eine direkte Verletzung oder eine Sepsis (Blutvergiftung) ins Gelenk gelangt sein. Der häufigste Erreger der eitrigen Arthritis beim Erwachsenen ist der Staphylokokkus aureus. Allerdings können auch Viren wie zum Beispiel  Hepatitis-B-Viren, Mumps- und Rötelnviren zu einer eitrigen Arthritis führen.

Rheumatoide Arthritis
Die rheumatoide Arthritis (RA) ist eine chronisch-entzündliche Gelenkerkrankung. Die Erkrankung kann in jedem Alter auftreten, wobei der Altersgipfel zwischen dem 35. und 55. Lebensjahr liegt. Frauen sind etwa drei- bis viermal häufiger betroffen als Männer. Als fortschreitende Erkrankung geht die RA mit Schmerzen, Schwellungen und Gelenkdeformation  einher. Der Befall der Gelenke ist symmetrisch, wobei typischerweise zunächst  die kleinen Finger-, Zehen- und Handgelenke betroffen sind. Die Erkrankung kann akut oder subakut auftreten. Die Patienten berichten über eine Morgensteifigkeit von mehr als 45 Minuten Dauer, die sich im Tagesverlauf bessert. Hinzu kommen Müdigkeit, fiebrige Temperaturen und ein allgemeines Krankheitsgefühl.

Morbus Still
Der Morbus Still wird als eine Sonderform der RA diskutiert, die überwiegend im Kindes- und Jugendalter bis zum 35. Lebensjahr auftreten kann.  Möglich ist aber auch ein adultes („erwachsenes“) Morbus-Still-Syndrom, das Patienten jeden Alters betreffen kann. Hinweise auf einen Morbus Still findet der Arzt im relativ akuten oder aber subakuten Krankheitsbeginn mit Gelenkschwellungen, masernähnlichem Ausschlag und Fieberschüben mit hohen Temperaturen. Zudem können eine Leber- und Milzvergrößerung sowie Lymphknotenschwellungen auftreten. Der Patient fühlt sich sehr krank.

Rheumatisches Fieber
Das rheumatische Fieber ist sehr selten und kommt häufig in der türkischen Bevölkerung vor. Zwei bis drei Wochen nach einem Streptokokkeninfekt entwickelt sich erneut hohes Fieber mit Entzündungen vor allem der großen Gelenke. Während der Erkrankung kann es zum so genannten Veitstanz (Chorea minor) kommen. Spätkomplikationen sind die Herzinnenhaut- und Herzmuskelentzündungen, die zu Herzklappenfehlern führen können. 

Reaktive Arthritis
Bei der reaktiven Arthritis sind asymmetrisch mehr als ein, aber weniger als fünf Gelenke entzündet. Sie tritt ein bis vier Wochen nach einer Infektion auf. Ebenso kann es ein bis sechs Wochen nach einer Infektion des Magen-Darm- oder des Harn- und Genitaltrakts  zu einer akuten Arthritis vor allem im Bereich der unteren Extremitäten kommen. Zirka 90 Prozent der Erkrankten haben eine genetische Veranlagung zum HLA-B-27. Ursache einer reaktiven Arthritis können auch Halsentzündungen oder ein Zeckenstich sein. Eine besondere Form der reaktiven Arthritis ist das Reiter-Syndrom, das unter anderem an Harnröhrenentzündung und Bindehautentzündung zu erkennen ist. Es tritt häufig zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr auf. Die akuten Gelenkbeschwerden können drei bis fünf Monate andauern, von einer chronischen Verlaufsform wird bei einer Erkrankungsdauer von mehr als 12 Monaten gesprochen.

Lyme-Arthritis
Der Hauptüberträger der Lyme-Borreliose ist die Zecke, die weltweit und hauptsächlich in den gemäßigten Klimazonen vorkommt. Die Übertragung erfolgt durch einen Zeckenstich. Der Erreger bleibt nach dem Eindringen lange Zeit in der Haut nachweisbar. Durch eine antibiotische Therapie können 90 Prozent  der Patienten geheilt werden.

Morbus Bechterew
Morbus Bechterew ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Wirbelsäulengelenke. Sie beginnt typischerweise zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Männer sind zehn Mal häufiger betroffen als Frauen. Typisch ist ein tief sitzender Rücken- oder Kreuzschmerz in den Morgenstunden, der sich bei Bewegung bessert. Im Gegensatz zur RA ist der Gelenkbefall typischerweise asymmetrisch. In 90 Prozent der Fälle ist HLA-B-27 nachweisbar. 

Psoriasisarthritis
Die Psoriasisarthritis tritt bei zehn Prozent aller Patienten mit einer Schuppenflechte (Psoriasis) im Verlauf der Erkrankung auf. Gekennzeichnet ist die Psoriasisarthritis durch einen strahlenförmigen Befall der Fingergrund-, mittel- und -endgelenke, der auch als „Wurstfinger“ bezeichnet wird. Es können aber auch die Zehengelenke befallen sein. Die Haut über den entzündeten Gelenken ist derb und blassbläulich verfärbt. 

Loefgren-Syndrom
Das Loefgren-Syndrom ist eine Form der akuten Sarkoidose (seltene entzündliche Erkrankung, die häufig die Lungen, aber auch die Haut und andere Organe angreift). Die Gelenke schwellen akut, zusätzlich kann die so genannte Knotenrose (Erythema nodosum) auftreten.

Arthritiden bei Stoffwechselerkrankungen
Bei erhöhter Zufuhr von Purinen und erhöhtem Alkoholkonsum, vor allem Bier, kann es zu einem akuten Gichtanfall kommen. Erkennbar ist er an einem vermehrten Ausfall an Harnsäure, der im Labor nachweisbar ist. Meist ist das Großzehengrundgelenk befallen.


Autorin:
Dr. med. Jacqueline Detert
Charité - Universitaetsmedizin Berlin
Medizinische Klinik m.S. Rheumatologie und Klinische Immunologie  
Berlin 


Datum: 02.05.2006 11:11:00


 
 
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