
|  | |  | | |  |  |  |  |  |  |  | Thema des Monats Mai/Juni 2004: Riesenzellarteriitis (Patientenversion) |  |  |  |
|  |  |
Bei Verdacht auf Gefäßentzündungen muss der Arzt sofort handeln
Plötzliche, neu aufgetretene Kopfschmerzen, Berührungsschmerzen, etwa beim Kämmen, sowie Fieber, Blutarmut und eine stark beschleunigte Blutsenkungsgeschwindigkeit - das sind die typischen Warnzeichen einer mitunter lebensbedrohlichen Gefäßentzündung, der so genannten Arteriitis temporalis. Schon beim Verdacht auf die Krankheit, die in enger Beziehung zu der schmerzhaften entzündlich-rheumatischen Erkrankung Polymyalgia rheumatica steht, ist rasches Eingreifen wichtig. Denn unbehandelt kann die Gefäßentzündung zur Erblindung und zu lebensbedrohlichen Durchblutungsstörungen führen.
Der Name trügt: Zwar befällt die Arteriitis temporalis charakteristischerweise einen oder mehrere Zweige der Halsschlagader (Arteria carotis), insbesondere die Schläfenarterie (Arteria temporalis), nach der die Krankheit benannt ist. Tatsächlich aber erfasst das Leiden den gesamten Körper. In allen Gliedmaßen und Körperregionen können Arterien betroffen sein und die Auswirkungen sind drastisch. Denn durch die Entzündung kommt es zu einer Schwellung der Blutgefäßwände. Die Folge: Die "Leitungsrohre" für das Blut werden verengt und können sich im ungünstigsten Fall komplett verschließen.
Besonders fatal kann sich ein Verschluss der Zentralarterie der Augen auswirken. Denn sie versorgt die Augen mit Blut und frischem Sauerstoff. Wird diese Versorgungsleitung abgeschnitten, kann die Sehkraft unwiederbringlich verloren gehen. Das muss jedoch nicht sein, wenn der Arzt frühzeitig mit einer Kortison-Therapie beginnt. Bei etwa 95 Prozent aller Patienten schlägt eine Behandlung so gut an, dass die Symptome schnell und dauerhaft verschwinden.
Es ist in jedem Fall ratsam, die Behandlung schon zu beginnen, bevor die Diagnose eindeutig feststeht. Meist geben klinische Symptome wie Fieber, Blutarmut und eine hohe Blutsenkungsgeschwindigkeit schon gute Hinweise auf die Krankheit. Der sicherste Nachweis sind jedoch charakteristische feingewebliche Veränderungen in der Gefäßwand, die sich durch eine Gewebeentnahme (Biopsie) aus der Schläfenarterie feststellen lässt. Bis ein solches Ergebnis vorliegt, geht jedoch kostbare Zeit verloren. Umgekehrt kann der Arzt eine Biopsie aber noch mehrere Tage nach Beginn der Therapie vornehmen.
Bestätigt sich der Verdacht, muss die Behandlung in der Regel mindestens anderthalb bis zwei Jahre fortgeführt werden, um einen Rückfall zu verhindern. Schlägt die Therapie gut an, kann die Kortison-Dosis aber nach einem festen Therapieschema langsam reduziert werden.
Wie und warum es zu einer Arteriitis temporalis kommt, ist ungeklärt. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass daran eine Fehlsteuerung des Immunsystems beteiligt ist. Neueren Untersuchungen von Wissenschaftlern der Medizinischen Hochschule Hannover zufolge kommen als Auslöser bestimmte Erreger von bakteriellen Lungeninfektionen (Chlamydia pneumoniae) in Frage.
Nach wie vor offen ist auch, welcher Zusammenhang zwischen der Arteriitis temporalis und der Polymyalgia rheumatica besteht. Einige Patienten mit Arteriitis temporalis haben nämlich gleichzeitig ausgeprägte Muskelschmerzen im Schulter- und Beckengürtel, wie sie für die rheumatische Erkrankung typisch sind. Ebenso findet man bei einem Teil der Patienten mit einer Polymyalgia rheumatica auch eine Arteriitis temporalis. Selbst Experten rätseln daher noch, ob es sich in beiden Fällen um dieselbe Erkrankung mit äußerlich etwas unterschiedlichen Erscheinungsformen handelt oder aber um zwei verschiedene, allerdings miteinander verwandte Krankheitsbilder.
| Datum: 05.05.2004 | Dr. med. Annette Wagner 
|
| |
| |  |