Inahltverzeichnis: 1. Kann sich das Immunsystem irren? 2. Was ist eine Entzündungsreaktion? 3. Können Zellen miteinander sprechen? 4. Welche Bedeutung hat TNF- a und IL-1? 5. Kann man gezielt die Wirkung der Botenstoffe aufhalten? 6. Welche Patienten werden mit Biologika behandelt? 7. Welche Biologika gibt es in der Behandlung der rheumatoiden Arthritis? 8. Welche Nebenwirkungen gibt es unter der Behandlung mit Biologika?
1. Kann sich das Immunsystem irren? Trotz weltweiter wissenschaftlicher Untersuchungen zur rheumatoiden Arthritis, sind die Ursachen dieser Erkrankung weiterhin unbekannt. Die rheumatoide Arthritis gehört zur großen Gruppe der Autoimmunerkrankungen. Darunter versteht man Erkrankungen, bei denen es zu einer Fehlsteuerung des Immunsystems kommt. Bestimmte Fehlregulierte Abwehrzellen greifen dabei körpereigene Gewebe an und rufen dadurch beispielsweise eine Reihe von Entzündungsmechanismen hervor. Bei der rheumatoiden Arthritis sind zunächst die Zellen der Gelenkinnenhaut (Synovialis) und des Knorpels das Angriffsziel des fehlgesteuerten Immunsystems. Es können aber auch andere Organsysteme betroffen sein. Dadurch werden verschiedene Entzündungsreaktionen an einzelnen Stellen des Körpers oder im gesamten Organismus ausgelöst, die zu Schmerzen, Schwellungen, Unwohlsein, Schlafstörungen und Bewegungseinschränkungen führen. Wiederholen sich diese Entzündungsreaktionen kann es zu Wucherungen der Gelenkinnenhaut (Synovialisproliferationen) kommen, die den Knorpel und Knochen zerstören und in der Folge zur Versteifung der Gelenke führen können. Weshalb es zu diesem großen Irrtum des Immunsystems kommt, ist bis heute ungeklärt.  2. Was ist eine Entzündungsreaktion? Zunächst ist die Entzündungsreaktion eine ganz normale Abwehrreaktion des menschlichen Körpers auf die verschiedensten Reize. Ziel der Reaktion ist es, diesen fremdartigen Reiz zu beseitigen. Beispielsweise ist der „Sonnenbrand“ eine akute Entzündungsreaktion auf den physikalischen Reiz „Sonneneinstrahlung“. Die Folge ist häufig eine schmerzhafte Rötung der Haut. Ein Schnupfenvirus wird ebenfalls vom Körper mit Hilfe von Temperaturerhöhungen (Fieber) und einer vermehrten Sekretion der Schleimhäute (Nase, Bronchien) abgewehrt. In der Regel zwingt uns der Körper durch begleitendes Unwohlsein zur Ruhephase, bis die Infektion abgewehrt ist. Die rheumatoide Arthritis dagegen ist eine sogenannte chronische Entzündung vor allem im Bereich der Gelenke. Hier sind an den Abwehrmechanismen als Reaktion auf die fehlgesteuerten körpereigenen Zellen eine Vielzahl an Abwehr- und Entzündungszellen sowie Botenstoffe und Enzyme beteiligt. Ist eine Entzündungsreaktion einmal ausgelöst, läuft die Kettenreaktion unaufhaltsam ab.  3. Können Zellen miteinander sprechen? Damit in unserem Körper alle Prozesse des Stoffwechsels, der Kreislaufreaktion etc. funktionieren können, bedarf es eines interessanten Kommunikationssystems der Zellen untereinander. Die Entdeckung dieser Kommunikation zwischen den Zellen hat wahre Jubelstürme in der Wissenschaft entfacht. Sowohl unter gesunden Bedingungen als auch im Krankheitsfall verständigen sich die Zellen durch sogenannte Botenstoffe. Diese Botenstoffe werden durch die Zellen gebildet und von den benachbarten Zellen durch Rezeptoren gebunden. Rezeptoren sind die kleinsten Empfangsorgane, die sich auf der Zelle und am Zellkern befinden. Nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip binden die Rezeptoren die Botenstoffe. Dadurch wird eine ganze Lawine von Prozessen in der Zelle ausgelöst. Es werden verschiedenste Gene aktiviert, die wiederum die Synthese von Proteinen hervorrufen, die für die Funktionsfähigkeit von Zellen und zur Abwehr von Bedeutung sind. Bei der Aktivierung von Entzündungszellen findet sich ein Überschuss an Botenstoffen. Diese Botenstoffe gehören zur großen Gruppe der Zytokine. Bei chronischen Entzündungsvorgängen sind hier die Zytokine Interleukin 1 (IL-1) und der Tumornekrosefaktor alpha (TNF- a) von besonderer Bedeutung, da sie den Entzündungsvorgang im Gelenk unterhalten.  4. Welche Bedeutung hat TNF- a und IL-1? Der Tumornekrosefaktor wurde erstmalig bei der Untersuchung von Tumorzellen in der Gewebekultur beschrieben und erhielt dadurch seinen Namen. In der Zwischenzeit hat man erkannt, dass der Tumornekrosefaktor bei jeder Form von Entzündung entscheidend beteiligt ist, so dass dieser Name eigentlich die Funktion nicht richtig beschreibt. Er wird als Botenstoff am Anfang des Entzündungsprozesses von den Abwehrzellen (Makrophagen = Fresszellen und Lymphozyten) im Gelenkinneren freigesetzt und aktiviert die an der Entzündung beteiligten Zellen. Er ist weiterhin für die Freisetzung weiterer Botenstoffe (Interleukin-1) und Enzyme verantwortlich, die zur fortschreitenden Zerstörung des Gelenkknorpels und des Knochens führen. TNF-a funktioniert wie ein Dominostein im Teufelskreislauf der Entzündung. 5. Kann man gezielt die Wirkung der Botenstoffe aufhalten? In den letzten Jahren konnten die Wissenschaftler viele Mechanismen in der Regulation der chronischen Entzündung, die sich am Gelenk abspielt, aufklären. Einer der Schwerpunkte war es, Wege zu finden, die Botenstoffe an der Kommunikation mit anderen Zellen hindern. So konnten gezielt Medikamente entwickelt werden, die den Tumornekrosefaktor-alpha oder das Interleukin-1 ausschalten. Da es sich bei diesen Medikamenten um natürliche Eiweiße handelt, werden sie als sogenannte „biologische Substanzen – Biologika“ (engl. Biologicals) bezeichnet. Das Grundprinzip dieser Medikamente ist es, die Botenstoffe zu binden oder deren Empfangsorgane (Rezeptoren) zu blockieren, um so deren Wirkung zu hemmen. 6. Welche Patienten werden mit Biologika behandelt? Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie hat für den Rheumatologen Empfehlungen zur Therapie mit Biologika herausgegeben. Es hat sich in großen Studien gezeigt, dass diese Medikamente selbst bei solchen Patienten eine deutliche Besserung erzielen können, bei denen die bisherigen Therapien nur ungenügend wirksam waren. Daher sind diese neuen Substanzen überwiegend für Patienten gedacht, bei denen die Erkrankung nach zwei Basistherapien (einschließlich Methotrexat, kurz MTX) aktiv bleibt. Die Medikamente sollten nur durch den erfahrenen Rheumatologen bzw. in rheumatologisch orientierten Spezialzentren/-kliniken im Rahmen einer klinischen Studie, also unter kontrollierten und gut dokumentierten Bedingungen (Langzeitbeobachtung des DRFZ), und ansonsten nur in streng ausgewählten Einzelfällen verabreicht werden. 7. Welche Biologika gibt es in der Behandlung der rheumatoiden Arthritis? | Adalimumab (Humira®) | | Wirkungsweise | Bindung des Botenstoffs TNFa | | Dosis | 40 mg alle 2 Wochen | | Darreichungsform | Fertigspritze | | Applikation | Subkutane Selbstinjektion (unter die Haut) | | Verabreichung | Als Einzeltherapie und in der Kombination mit MTX oder anderen Basistherapien | | Indikation | Rheumatoide Arthritis |
| Anakinra (Kineret®) | | Wirkungsweise | Blockade des Interleukin-1-Rezeptors | | Dosis | 100 mg täglich | | Darreichungsform | Fertigspritze | | Applikation | Subkutane Selbstinjektion | | Verabreichung | In der Kombination mit MTX | | Indikation | Rheumatoide Arthritis |
| Etanercept (Enbrel®) | | Wirkungsweise | Bindung des Botenstoffs TNFa | | Dosis | 25 mg 2 x wöchentlich | | Darreichungsform | Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionslösung | | Applikation | Subkutane Selbstinjektion | | Verabreichung | Als Monotherapie | | Indikation | Rheumatoide ArthritisJuvenile ArthritisPsoriasis Arthritis |
| Infliximab (Remicade®) | | Wirkungsweise | Bindung des Botenstoffs TNFa | | Dosis | 3 mg pro kg Körpergewicht alle 8 Wochen | | Darreichungsform | Pulver zur Herstellung einer Infusionslösung | | Applikation | Intravenöse Infusion durch den behandelnden Arzt über 2 Stunden und 2 Stunden Nachbeobachtung | | Verabreichung | In der Kombination mit MTX | | Indikation | Rheumatoide ArthritisMorbus CrohnSpondylitis ankylosans |
8. Welche Nebenwirkungen gibt es unter der Behandlung mit Biologika? Häufige, leichte Überempfindlichkeitsreaktionen sind lokale Reaktionen an der Einstichstelle wie Jucken, Wundgefühl, Rötung oder Schmerzen. Im Allgemeinen nehmen diese Reaktionen nach dem ersten Behandlungsmonat ab. Die Injektionsstelle sollte gewechselt werden. Unter der Infusion mit Remicade ist über Nebenwirkungen, die während der ersten beiden Infusionen gehäuft auftreten berichtet worden. Dabei handelt es sich um Unwohlsein, Temperaturerhöhung und Blutdruckabfälle. Wird die Infusion gestoppt oder die Infusionszeit verlängert bessern sich in der Regel die Beschwerden. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass durch eine Biologika-Therapie zum Wiederaufflammen einer Tuberkulose und zu Infekten vor allem der oberen Luftwege führen kann. Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie gibt daher die Empfehlung, vor Therapiebeginn eine Röntgenuntersuchung zum Ausschluss einer Tuberkulose zu veranlassen und einen Tuberkulin-Test durchzuführen. Bei positivem Tuberkulin-Test ist eine über 4 Wochen prophylaktische Gabe eines Antibiotikums (Isoniazid 300 mg/d) vor Therapiebeginn und deren Fortführung über 9 Monate unter der Therapie ratsam. Bei positiver Anamnese einer Tuberkulose sollte auf eine Biologika-Therapie verzichtet bzw. nach sorgfältiger Risiko-Nutzen-Abwägung Anakinra verabreicht werden. Vereinzelt wurde in der Literatur über die Entwicklung anderer Autoimmunerkrankungen (lupusähnlichen Erkrankungen) und über das Auftreten einer Multiplen Sklerose (Störungen des zentralen Nervensystems) berichtet. Es ist allerdings unklar, ob das Risiko wirklich durch die Biologikabehandlung erhöht wird. Die befürchtete erhöhte Wahrscheinlichkeit an einem Tumor zu erkranken, bestätigte sich bisher noch nicht. Allerdings gibt es keine Langzeiterfahrungen. Aus diesem Grund ist eine sorgfältige Dokumentation durch den behandelnden Arzt notwendig. Während der Schwangerschaft und Stillzeit sollte eine Therapie mit Biologika aufgrund der ungenügenden Datenlage nicht verabreicht werden und ist kontraindiziert.  |